Dekorationsbild: Kursleiterin mit Teilnehmern, Gebäude einer Volkshochschule
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21.07.2016

„Die Scham, ein Mädchen zu sein, begleitete mich lange“: Seyran Ates forderte sexuelle Revolution für den Islam

Auf Einladung der Tucholsky-Kulturbörse Leer und der Volkshochschule Leer kam die Berliner Autorin, Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates nach Leer. Die engagierte Muslimin mit türkisch-kurdischen Wurzeln forderte in ihrem Vortrag vor knapp 70 Zuhörern nicht weniger als eine sexuelle Revolution des Islam. Denn insbesondere Frauen würden in konservativen Auslegungen des Islam in ihrer individuellen Selbstbestimmung mehr oder weniger stark eingeschränkt.


Seyran Ates forderte in der Haneburg eine sexuelle Revolution des Islam.

Seyran Ates forderte in der Haneburg eine sexuelle Revolution des Islam.

Ates Forderung nach individueller Selbstbestimmung klingt für die meisten Deutschen nach einer Selbstverständlichkeit, beschert ihr aber regelmäßig schlimmste Beschimpfungen und Drohungen

Ates Forderung nach individueller Selbstbestimmung klingt für die meisten Deutschen nach einer Selbstverständlichkeit, beschert ihr aber regelmäßig schlimmste Beschimpfungen und Drohungen

Hinten stehend von links VHS-Leiterin Heike-Maria Pilk, Hans Fricke von der Tucholsky-Kulturbörse und Seyran Ates.

Hinten stehend von links VHS-Leiterin Heike-Maria Pilk, Hans Fricke von der Tucholsky-Kulturbörse und Seyran Ates.

„Die Ganzheit der Frau wird als Sexualobjekt betrachtet“, erklärte sie. Dies sei der Grund, weshalb Frauen Arme, Beine oder Haare zu verhüllen hätten. „So wie ich jetzt vor Ihnen stehe, bin ich nackt“, kommentierte sie ihr Kleid in Bezug auf die kurzen Ärmel. Während ihres Vortrages ging Ates immer wieder auf Fragen ein und suchte die Diskussion mit dem Publikum.

Als ihre Eltern aus der anatolischen Provinz nach Deutschland kamen, befand sich das Land mit der sexuellen Revolution der 60er und 70er Jahre im Umbruch. Es habe für ihre Familie viele Beispiele dafür gegeben, dass die Muslime moralischer wären. Durch eine Kommune in der Nachbarschaft sei die Meinung ihrer Eltern dann für die nächsten 20 Jahre geprägt worden: „Die Deutschen sind sexuell verkommen.“ Deshalb und wegen der „fehlenden“ Geschlechtertrennung durfte sie als Kind nicht bei Klassenfahrten mitfahren. „Ich stellte mir eine Orgie in Begleitung der Lehrer vor“, sagte Ates. Außerdem durfte sie ab einem bestimmten Alter nicht mehr mit Jungs spielen. Die weitgehende Tabuisierung der Weiblichkeit treibe schlimme Auswüchse. „Die Scham, ein Mädchen zu sein, begleitete mich lange“, stellte sie fest. Es sei schlimm, dass alles kritiklos hingenommen werden solle nach dem Motto „das ist halt so“. Daraus entstünden dann Forderungen wie 2014 vom ehemaligen türkischen Vizeregierungschef Bülent Arinc, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht laut lachen sollten.

Das Tragen eines Kopftuches aus Gottgefälligkeit ist für Ates akzeptabel. Sie lehnt es dagegen ab, wenn es auf Druck des Mannes oder als politisches Symbol getragen werde. Allen Frauen, die ein Kopftuch als politisches Symbol tragen, rief sie entgegen: „Ihr akzeptiert damit, dass ihr sexualisiert werdet.“ Frauen, die behaupten, dass Verschleierung ein Ausdruck der Freiheit sei, sollten zuerst ein Jahr im Iran oder Saudi-Arabien leben. Wenn schon Kinder mit dem Kopftuch zur Kita geschickt werden, sei das eine unerhörte Sexualisierung. Das sähen übrigens auch die meisten Muslime so.

Um einen Sinneswandel unter den Muslimen zu fördern plant Ates die Gründung einer modernen Moscheegemeinde in Berlin. Denn auf die aus der Türkei geschickten Imame wolle sie sich nicht verlassen. Sie verträten zwangsweise die konservativen Positionen der türkischen Regierung. Schließlich ging sie noch auf die aktuelle Situation in der Türkei ein. Das Land werde derzeit vom Militärstaat zum Polizeistaat umgekrempelt. Zusätzlich finde eine beängstigende Radikalisierung statt. Das sei übrigens auch auf ihrer Facebook-Seite zu sehen. Sie erhalte dort zunehmend wüste Bedrohungen und Beschimpfungen von Anhängern der türkischen Regierungspartei AKP. Seit dem politischen Mordanschlag auf Ates im Jahr 1984 gilt sie als gefährdete Person. Die anwesenden Personenschützer von der Polizei hatten jedoch in der Haneburg einen ruhigen Abend.


Über Seyran Ates
Seyran Ates, 1963 in Istanbul geboren, lebt seit 1969 in Deutschland. Sie ist Autorin und arbeitet als Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz (2007) und den Verdienstorden der Stadt Berlin (2008). Sie lebt mit ihrer Tochter in Berlin.

Mit 17 Jahren ist Seyran Ates von zuhause abgehauen, um selbstbestimmt leben zu können. Aus ihrer eigenen Biographie begründet hat sie angefangen, sich für andere Frauen und Mädchen einzusetzen, die ähnliche Unterdrückung erlebt haben wie sie. Ab 1983 arbeitete sie neben ihrem Studium der Rechtswissenschaften in einer Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei. 1984 wurde sie Opfer eines politischen Anschlags und durch eine Kugel in den Hals lebensgefährlich verletzt.


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