Dekorationsbild: Kursleiterin mit Teilnehmern, Gebäude einer Volkshochschule
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25.06.2018

„Lernen Sie, uns zu ertragen.“ Demenzaktivistin vermittelte Einblicke in ihre Gefühlswelt und forderte Inklusion

Im Rahmen des bei uns angesiedelten Projektes „Lokale Allianz für Menschen mit Demenz“ sprach die Demenzaktivistin Helga Rohra aus München im Mariko Leer. Rund 100 Interessierte verfolgten ihren Vortrag, nachdem unsere Fachbereichsleiterin Sabine Kasimir in den Abend eingeführt hatte.


Helga Rohra vermittelte Einblicke in ihre Gefühlswelt und forderte mehr Teilhabe für Menschen mit Demenz.

Helga Rohra vermittelte Einblicke in ihre Gefühlswelt und forderte mehr Teilhabe für Menschen mit Demenz.

Helga Rohra

Helga Rohra

Helga Rohra

Helga Rohra

Abschließende Gesprächsrunde mit (von links) Helga Rohra, Kunst-Pädagogin Hildegard Sjoukje Uken, Lone Pöhlmann, Einrichtungsleiterin des Gerontopsychiatrischen Pflegezentrums Holtland, Betreuungskraft Helen Plass, Rainer Helmers, Vorstandsvorsitzender vom Reilstift Rhauderfehn sowie VHS-Fachbereichsleiterin Sabine Kasimir.

Abschließende Gesprächsrunde mit (von links) Helga Rohra, Kunst-Pädagogin Hildegard Sjoukje Uken, Lone Pöhlmann, Einrichtungsleiterin des Gerontopsychiatrischen Pflegezentrums Holtland, Betreuungskraft Helen Plass, Rainer Helmers, Vorstandsvorsitzender vom Reilstift Rhauderfehn sowie VHS-Fachbereichsleiterin Sabine Kasimir.

Blick auf das Publikum.

Blick auf das Publikum.

Rohra ist selber an Demenz erkrankt und befindet sich noch in einem frühen Stadium. Sie arbeitete vor ihrer Erkrankung als Dolmetscherin für sieben Sprachen. An dem Abend gab sie sehr persönliche Einblicke in ihr Leben und ihre Gefühlswelt. Wie sich Demenz anfühle, könne einem niemand erklären, der es nicht selber habe, erläuterte sie. Dann erzählte sie, wie sie bei sich erste Symptome bemerkt und zunächst nicht ernst genommen habe. Sie habe sich gelegentlich nicht mehr konzentrieren können und wusste einzelne Worte in anderen Sprachen nicht mehr. Das sei noch einfach zu überspielen gewesen.

Einen regelrechten Schock habe es ihr aber versetzt, als sie bei einer medizinischen Konferenz gedolmetscht hatte und nach einer Woche eine Anfrage der Veranstalter bekommen habe. Sie sollte für eine weitere Veranstaltung engagiert werden, konnte sich aber überhaupt nicht mehr daran erinnern, dort gewesen zu sein. Sie habe es auf Übermüdung geschoben und sich eine Auszeit genommen. Aber die Symptome häuften sich. Beim Spazierengehen mit dem Hund wusste sie trotz eigentlich vertrauter Umgebung mitunter nicht mehr, wo sie war. „Ich sah mir diese Kaffeemaschine an und wusste nicht, was man damit macht“, verdeutlichte Rohra ihre Alltagsprobleme. Dann bekam sie Halluzinationen und sah sich selber als Kind. Sie schrieb diese Vorgänge über mehrere Monate auf und stellte sie sich selber die Diagnose „Hirntumor“.

Mit diesem Ausfalltagebuch ging sie dann zum Arzt, der ihr einen Burn-out attestierte, weil sie zu viel Stress in ihrem Lebenswandel habe. Als sie dann später nach aufwändigen Untersuchungen die Diagnose Demenz bekam, wurde sie mit ein paar Medikamenten nach Hause geschickt. „Was man in so einem Moment aber wirklich braucht, ist professionelle psychologische Betreuung“, erregte sich Rohra. Dabei sei der Schock von Angehörigen oft noch größer, als der eigene. Wichtig sei es, die Diagnose anzunehmen. „Man weint viel nach den Sachen, die verlorengegangen sind“, erklärte sie ihre anfängliche Reaktion. Viele Menschen zögen sich dann aus Angst und Scham in eine Isolation in den eigenen vier Wänden zurück. Deshalb kämen oft Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Sucht hinzu. „Sie haben einfach nichts zu tun“, sagte Rohra.

Sie wollte sich aber nicht damit abfinden und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in einem anderen Beruf einbringen und etwas Sinnvolles tun. Bei der Arbeitsagentur wurde ihr allerdings lediglich nahegelegt, doch in einem Seniorenheim ehrenamtlich Kaffee auszuschenken. Daraufhin beschloss sie, sich für Betroffene einzusetzen und für mehr Akzeptanz in der Gesellschaft zu kämpfen. Es brauche Projekte wie die Lokale Allianz für Menschen mit Demenz. Auch Selbsthilfegruppen seien ein guter Weg für Betroffene. Aber dies sei dennoch zu wenig. Sie schloss ihren Vortrag mit der Forderung nach Inklusion und mehr Aktivierungsangeboten für Erkrankte. Sabine Kasimir fragte nach, wie wir es denn schaffen können, Menschen mit Einschränkungen in unserer Mitte zu halten. „Lernen Sie, uns zu ertragen“, war Rohras prompte Antwort. Demenz sei nicht nur der Pflegefall.

In einer abschließenden Gesprächsrunde erläuterte Lone Pöhlmann vom Geronto-Psychiatrischen Pflegezentrum Holtland, dass die Arbeit mit Erkrankten oft einfacher ist, als mit den Angehörigen. Hildegard Sjoukje Uken führt Kunstprojekte mit Demenzerkrankten durch. Sie betonte, dass es für Angehörige besonders schwer ist, wen sie nicht mehr erkannt werden. Helen Plass arbeitet als Betreuungskraft und unterstrich die Bedeutung von Freundlichkeit und Lachen im Umgang mit Demenzerkrankten. Schließlich bemängelte Rainer Helmers vom Reilstift Rhauderfehn, dass der Norden mit niedrigerer Bezahlung und einem schlechteren Betreuungsschlüssel im Bundesvergleich ein pflegepolitisches Entwicklungsland sei.

Auskünfte zum Projekt „Lokale Allianz für Menschen mit Demenz“ erhalten erteilen wir telefonisch unter 0491 - 92 99 20 sowie direkt in der Haneburg. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.


Kontakt

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und den Kreis Leer e.V.
Haneburgallee 8
26789 Leer
Tel.: 0491 - 92 99 2-0
Fax: 0491 - 92 99 2-10
E-Mail: info(at)vhs-leer.de

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